"Netzwerk-sensible Seniorenarbeit" und Qualitätsziele
für die offene Altenarbeit und Altersbildung
Dietmar Köster, Forschungsinstitut Geragogik
Gliederung
- Einleitung zum Projekt
- Fragestellung und methodisches Vorgehen
- Untersuchungsfeld
- Begriffsklärung „Altersbildung“ und „Qualität“ im Rahmen des Projektes
- Gemeinschafts- und kontaktfördernde Arbeit als Qualitätsziel („QZ 9“)
- Ausgewählte Ergebnisse im Zusammenhang zum QZ 9
- Ausblick
1. Einleitung zum Projekt
In einer aktuellen Studie zur „Offenen Altenarbeit und Altersbildung in den Wohlfahrtsverbänden“ untersucht das Forschungsinstitut Geragogik (FoGera) in Witten acht Good-Practice-Einrichtungen in NRW aus der Arbeiterwohlfahrt (AWO), der Diakonie, der Caritas und dem Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband.
Die Studie wird im Auftrag der Stiftung Wohlfahrtspflege des Landes NRW durchgeführt.
2. Fragestellung und methodisches Vorgehen
Die erkenntnisleitende Aufgabenstellung des Projekts besteht darin, Qualitätsziele herauszuarbeiten, die die zukünftige offene Altenarbeit und Altersbildung in den Wohlfahrtsverbänden kennzeichnen und die an den Prinzipien der Selbstorganisation und des bürgerschaftlichen Engagements ausgerichtet sind. Zur Realisierung des Ziels wurde als Forschungsdesign eine Kombination aus quantitativen (Fragebogenerhebung) und qualitativen Methoden (Experteninterviews, Themenwerkstätten, Pilotprojekte) entwickelt. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen werden in einem induktiven Verfahren zu Qualitätszielen verdichtet.
3. Untersuchungsfeld
Grundlage der Untersuchung waren acht „Good-Practice-Einrichtungen“ der AWO, Caritas, Diakonie und des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbands. Die Bestimmung von Good-Practice-Akteuren orientierte sich an den Kriterien Akzeptanz, Intergenerativität, Gender-Aspekte, Partizipation, Selbstorganisation, Stärkung des bürgerschaftlichen Engagements, Existenz teilnehmer- und lebensweltorientierter Konzepte. Die Ergebnisse bieten typische und wichtige Hinweise für eine zukunftsorientierte Altersbildung und offene Altenarbeit (siehe dazu Literaturhinweise unten: Renate Schramek / Dietmar Köster / Silke Dorn 2006).
4. Begriffsklärung
„Altersbildung“
Der Begriff der Altersbildung ist durch eine relative Unbestimmtheit gekennzeichnet. Erfasst sind sowohl Angebote von Institutionen der Erwachsenenbildung und der gemeinwesenorientierten SeniorInnenarbeit. Nach Kade (2001) liegen die größten Potenziale für die Altersbildung in sog. selbstorganisierten Senioreninitiativen. In diesen Gruppen wird „gelebt“, was die zukünftige Bedeutung der Altersbildung ausmacht: Ältere Menschen müssen den Zugang zu relevanten gesellschaftlichen Entscheidungszusammenhängen finden können. Es wird dem Problem begegnet, dass Bildung im Alter meist praxislos bleibt. Denn eine praxislose Bildung im Alter wird von den Älteren als unwichtige Aufgabe wahrgenommen. Mit einem Handlungsbezug auf die Lebenswelt erfahren Lernen und Bildung im Alter ihre Bedeutsamkeit. Die Handlungsorientierung der Altersbildung ist daher zentrales Element des von uns verwendeten Bildungsbegriffes. Bildung im Sinne des Projekts meint das Bemühen des einzelnen älteren Menschen, das wechselseitige Verhältnis von Individuum und Gesellschaft zu verstehen, um Handlungskompetenz zu gewinnen. Dementsprechend wird eine klare Subjektorientierung verfolgt, die sich in Konzepten des selbstgesteuerten partizipativen Lernens (Bubolz-Lutz 2002) ausdrückt.
„Qualität“ im Rahmen des Projektes
Im Projekt wird von einem relationalen Qualitätsbegriff ausgegangen: Danach ist Qualität gegeben, wenn ein Produkt – hier Angebote der offenen Altenarbeit und Altersbildung – in seinen Eigenschaften den mehrdimensionalen Anforderungen entspricht, die z. B. die Nachfrager daran stellen. Zu beachten ist, dass Qualität prozesshafter Art ist und die Verständigung über die Qualität regelmäßig erfolgen muss.
5. Gemeinschafts- und kontaktfördernde Arbeit als Qualitätsziel (QZ)
Eine „gelingende“ offene Altenarbeit und Altersbildung ist an bestimmte QZ geknüpft. Im Rahmen des Projektes wurden QZ für die Ebenen Zugang, Durchführung und Transfer generiert (Dietmar Köster / Renate Schramek / Silke Dorn, 2006b).
In diesem Zusammenhang sei das neunte Qualitätsziel in den Blick genommen:
In der Untersuchung wurde offensichtlich, dass die Teilnahme an Angeboten auch die Einbindung in ein soziales Netzwerk bedeutet. Von den befragten SeniorInnen wurden die kontakt- und gemeinschaftsfördernden Momente als sehr wichtig erachtet. Bestimmte Maßnahmen und kommunikationsfördernde Methoden können dies unterstützen.
Diese Ergebnisse führten uns zu dem Qualitätsziel:
„Gelingende“ offene Altenarbeit und Altersbildung müssen gemeinschafts- und kontaktfördernd organisiert sein. Darüber hinaus ist die Möglichkeit generationsübergreifender Aktivitäten zu schaffen.“
6. Ausgewählte Ergebnisse zum „Qualitätsziel Neun“
69% der befragten älteren Menschen in den untersuchten Good-Practice-Einrichtungen benannten als Teilnahmemotiv den Wunsch, neues Wissen zu erwerben, d.h. zu lernen. Zu diesem sachorientierten Interesse hinzukommen müssen „Spaß und Interesse“ (76%) sowie „Kontakt und Gemeinschaft“ (72%). Das auffällige Bedürfnis nach Gemeinschaft und sozialer Interaktion korrespondiert mit der erhobenen Lebenssituation: Rund 49% der Befragten leben mit dem (Ehe-)Partner, 44% sind alleinstehend. 54% der Alleinlebenden sind Frauen. Die befragten Männer leben größtenteils mit ihrer (Ehe-)Partnerin zusammen, von ihnen sind lediglich 11% Single. Hier deutet sich an, dass in den untersuchten Good-Practice-Einrichtungen in erheblicher Weise alleinstehende Frauen beteiligt und eingebunden sind, die mit ihrer Teilnahme auch den Wunsch nach sozialen Kontakten und Kommunikation verbinden.
Die Wohlfahrtsverbände müssen sich darüber im Klaren sein, dass die Zielgruppe einen individualisierten Zugang zum Angebot wählt. Die Angebote sind mit vielfältigen Anforderungen verknüpft, denen Rechnung getragen werden muss. Dazu zählen z.B. das Thema, der Sinnbezug, die Freude am Engagement u.a. Besonders die Ermöglichung sozialer Kontakte ist aufgrund der ausgeprägten Singularisierung bei den Befragten aktuell wichtig und wird auch zukünftig von hoher Bedeutung für die Angebote der Wohlfahrtsverbände sein.
Diese individuellen Verknüpfungen bewegen sich im Rahmen spezifischer sozialer Milieus und Vergemeinschaftungen. Diese Milieus sind der fruchtbare Boden, auf dem die untersuchten Good-Practice-Einrichtungen, die sich an den Prinzipien der Selbstorganisation und des Lernens orientieren, wachsen. Darüber hinaus konnten wir feststellen, dass die Vielfalt unterschiedlicher Themen und verschiedener „Kulturen“ ein Merkmal der untersuchten Einrichtungen der Wohlfahrtspflege sind. Das heißt, dass der in der Lebensbiografie herausgebildete Habitus im Alter zu Inhalten und Formen der Angebote sowie zum Klima der Einrichtung passen muss.
Eine „netzwerk-sensible Seniorenarbeit“, die die soziale Einbindung des Einzelnen intendiert, ist also von unterschiedlichen und teilweise sich gegenseitig bedingenden Faktoren abhängig. Monokausale Herangehensweisen, also z.B. die Entwicklung von „niedrigschwelligen Angeboten“, erweisen sich in der Regel als weniger Erfolg versprechend. Soziale Kontakte, die nachhaltig und belastbar sind, bedürfen eines gemeinsamen „Dritten“. Das kann das „Thema“ einer Veranstaltung sein, die zugleich milieuspezifisch sein kann, eine sinnvolle Bedeutung haben muss und an den individuellen Bedürfnissen der Teilnehmenden anknüpft. Dabei dann methodisch-didaktisch darauf zu achten, dass dem informellen Kontakt der Teilnehmenden entsprechender Raum gegeben wird, ist Teil einer geragogisch fundierten Praxis. Dass der Ausbau von persönlichen Netzwerken auch eine wichtige präventive Funktion zur Verhinderung von Pflegebedürftigkeit hat ist bekannt. Denn gerade im Alter können schmerzhafte Verlusterfahrungen, wie z.B. der Tod eines Partners oder einer Partnerin, noch am ehesten überwunden werden, wenn der Überlebende in Netzwerke eingebunden ist.
7. Ausblick
Die entwickelten QZ werden derzeit in Pilotprojekten, die auf Partizipation und Mitwirkung basieren, bei zwei Good-Practice-Einrichtungen erprobt. An diese Projektphase schließt sich eine Überarbeitung der QZ an. Schließlich sollen diese in einem offenen partizipativen Curriculum konzeptionell zusammengefasst werden. Dabei besteht ein Ziel darin, ein mehrdimensionales Raster zu entwickeln, das den Einrichtungen der Wohlfahrtsverbände ermöglichen soll, ihre Maßnahmen und Projekte selbst zu evaluieren, um eine eigenständige Qualitätsentwicklung sichern zu können. Der Aspekt einer „netzwerk-sensiblen Seniorenarbeit“ wird dabei von großer Bedeutung sein.
Weitere Informationen über das Projekt und seine Ergebnisse können bei FoGera oder über www.FoGera.de nachgefragt werden.
Literatur
Bubolz-Lutz, E. (2002): Selbstgesteuertes Lernen in der Bildungsarbeit mit Älteren. In: forum EB Nr. 2, S. 16-22
Kade, S. (2001): Selbstorganisiertes Alter: Lernen in „reflexiven Milieus“.
Köster, D. (2002): Kritische Geragogik: Aspekte einer theoretischen Begründung und praxeologische Konklusionen anhand gewerkschaftlich orientierter Bildungsarbeit.
Köster, D. (2005): Bildung im Alter …die Sicht der kritischen Sozialwissenschaften. In: Klie, T./Buhl, A./Entzian, H./Hedtke-Becker, A./Wallrafen-Dreisow, H. (Hg.): Die Zukunft der gesundheitlichen, sozialen und pflegerischen Versorgung älterer Menschen, S. 95-109
Köster, D./Schramek, R. (2005): Die Autonomie des Alters und ihre Konsequenzen für zivilgesellschaftliches Engagement. In: Hessische Blätter für Volksbildung. 55. Jahrgang, Nr. 3, S. 226-237
Rossmann, D. (2002): Bildung im Alter. Vortragsmanuskript
Schramek, R. (2001): Einschätzung, Veränderungsprozesse und Rehabilitation bei Schwerhörigkeit im Alter.
Schramek, R./Bubolz-Lutz, E. (2002): Geragogik – eine wissenschaftliche Disziplin. In: forum EB Nr. 2, S. 10-13
Köster, D. / Schramek, R. / Dorn, S. (2006b): Qualitätsmerkmale in der Altersbildung und gemeinwesenorientierten SeniorInnenarbeit. forum erwachsenenbildung 1/2006, S. 65-68.
Schramek, R./ Köster, D./ Dorn, S. (2006a): „Altersbildung und offene Altenarbeit als Chance für die Wohlfahrtsverbände.“ In: TUP Theorie und Praxis der sozialen Arbeit, 57. Jahrgang, Nr. 2, S. 26-32
Schröder, H./Gilberg, R. (2005): Weiterbildung Älterer im demographischen Wandel. Empirische Bestandsaufnahme und Prognose.
Sommer, C./Künemund, H./Kohli, M. (2004): Zwischen Selbstorganisation und Seniorenakademie. Die Vielfalt der Altersbildung in Deutschland.
Kontakt:
Dr. Dietmar Köster
Forschungsinstitut Geragogik ( FoGera )
Alfred-Herrhausen-Straße 44
58455 Witten
koester@fogera.de
www.FoGera.de
Tel.: 0 23 02 / 915 271
Fax: 0 23 02 / 915 275
Dieser Artikel ist Teil des Themenschwerpunktes 1/2006: Netzwerksensible Seniorenarbeit. Bitte beachten Sie auch das zugehörige Begleitseminar.
